travelog 113






Botanisieren im Regen



Wir hatten Kelly vorgewarnt. Im Juli regnet es in Zentralmexiko unserer Erfahrung nach am meisten. Doch unser Freund aus San Diego liess sich nicht von seinem Plan abbringen: Seine Frau Denise endlich einmal ins gefährliche Mexiko zu entführen. Wenn Kelly nicht gerade in Mexiko, Madagaskar, Australien, Soccotra oder sonstwo auf der Welt unterwegs ist, wo es sukkulente Pflanzen gibt, arbeitet er in Gärtnereien in San Diego. Wir hatten uns gegenseitig schon einige Male besucht, doch seine Frau Denise hatte einen Heidenrespekt vor einer Reise nach Mexiko. Kein Wunder, bei den grausigen Nachrichten, die sie am amerikanischen Fernsehen tagtäglich zu sehen bekam - und dabei vergass, dass es auch in Kalifornien einiges an Kriminalität und Verbrechen gibt. Schliesslich ergab sich DIE perfekte Gelegenheit. Kelly war in Kuba am IOS Kongress und flog von Havana nach Guadalajara. Am gleichen Abend kam Denise aus San Diego angeflogen. Am nächsten Tag holten wir die Beiden im Hotel in Guadalajara ab, um zusammen eine kleine Rundreise zu unternehmen.



Für unseren kurzen Trip hatten wir uns nicht zuviel vorgenommen, denn schliesslich sollte es für Denise nicht der erste und einzige Besuch in Mexiko sein. Wir wollten ihr neben den Pflanzen, an denen Kelly natürlich am meisten interessiert war, auch noch etwas von den "Pueblos magicos", den magischen Dörfern, und der Kultur Mexikos zeigen. Ausserdem sollte die Reise in einem Gebiet sein, wo wir möglichst wenig von schwerbewaffneten Militär- oder Polizeikonvois zu sehen bekamen, um Denise nicht unnötige Alpträume zu verursachen. Wir fuhren also Richtung Osten, auf kleinen Nebenstrassen durch die Hügellandschaft von Guanajuato nach Mineral de Pozos. Kelly war schon einige Male in einem kleinen Bed & Breakfast Hotel gewesen, von dem er dachte, dass es ein perfekter Start für unsere Reise wäre. Von der Autobahn aus fuhren wir auf einer Piste in die Höhe nach Pozos, wo wir schon den ersten Pflanzenstopp einlegten, nämlich für wunderschön blaugraue Agave asperrima ssp. potosiensis. Graue Wolken hingen tief am Himmel und wir mussten uns bald eine warme Jacke überziehen. Pozos, auch eines der magischen Dörfer, hatten wir vor zehn Jahren das letzte Mal besucht. Seither hatte sich einiges geändert. Die kleine Ortschaft, wo einst viele Minen florierten, war bei unserem ersten Besuch ein Geisterdorf gewesen, wo höchstens am Wochenende einige Touristen erschienen, die sich auf dem staubigen Hauptplatz an den wenigen improvisierten Ständen ein Souvenir kauften. Man konnte zwischen den alten Gemäuern umherlaufen, ohne gestört zu werden. Und Hotels gab es damals auch noch nicht. Heutzutage sind die alten Gebäude entweder eingezäunt oder es steht gross angeschrieben, dass man für eine Besichtigung zahlen muss. Die improvisierten Verkaufsstände sind kleinen Galerien gewichen und es gibt verschiedene Bed & Breakfast Unterkünfte, alle wunderschön anzusehen, aber eben eher für die gut betuchten Touristen gedacht. Wir kamen im Boutique Hotel "Posada de las Minas" unter (direkter Link hier) und Kelly bescherte uns eine Nacht im Zimmer mit dem tollen Namen "Luna de Miel" (Flitterwochen). Das Hotel ist wirklich wunderschön angelegt und eingerichtet, verfügt über einen netten Sukkulentengarten und überall gibt es Nischen und Balkone zum Verweilen. In der gemütlichen Bar lud uns Denise danach zu Margaritas und einem feinen Nachtessen ein. Ein gelungener Auftakt, allerdings kamen uns schnell Zweifel, ob wir dieses Hotel nicht als krönenden Abschluss hätten besuchen sollen.



Am nächsten Morgen statteten wir Mammillaria albiflora einen Besuch ab. Die Pflanzen sahen wir kleine weisse Knöpfe aus und waren zwischen den kleinen weissen Kieseln auch ganz gut getarnt. Danach ging es nach Norden in die Nähe des Cerro Quijay, wo wir auf die Suche nach Sedum pacense gingen. Fast oben auf dem Gipfel angekommen wurden wir denn auch fündig und die Pflanzen standen sogar in Blüte. In San Luis de la Paz machten wir uns danach auf die Suche nach einem Restaurant für ein kleines Mittagessen. Das Risiko eines Tacostandes wollten wir nicht eingehen, denn Denise sollte die Woche ohne die Rache Moctezumas überstehen. Für ein paar Quesadillas und einen Queso fundido brauchte die Köchin eine Ewigkeit, wertvolle Zeit, die uns später für die Pflanzensuche fehlte. Hinter San Luis de la Paz stoppten wir für Pachyphytum fittkaui und Echeveria elegans, allerdings kletterte nur Kelly durch das dichte Grün in die Höhe. Auf der kurvenreichen Strasse hinunter nach Xichu machten wir einen kleinen Abstecher auf einer Piste, die allerdings nur bis zu einem kleinen Steinbruch führte und nicht wie erhofft auf die uralte Piste, die entlang interessanter Felswände führte. In Xichu war die Besitzerin des einzigen akzeptablen Hotels gerade in der Messe und so setzten wir uns im Park auf eine Bank und beobachteten das rege Treiben. Im Restaurant am Platz gab es sogar fast-vegetarisches Essen für Denise und Kelly und kaltes Bier für alle. Wir blieben lange sitzen, denn unterdessen hatte es in Strömen angefangen zu regnen. Ueblicherweise dauerten diese Regengüsse nicht allzulange, doch heute mussten wir im Regen bis zum Hotel rennen, wo wir relativ nass ankamen.



Die ganze Nacht lang prasselte der Regen mit kleinen Unterbrüchen auf das Patiodach. Am Morgen hingen die grauen Wolken bis unter die roten Dächer von Xichu und es nieselte leise weiter vor sich hin. Gegenüber des Hotels fanden wir ein kleines Lokal, wo wir heissen Kaffee und Rühreier und Quesadillas bekamen. Denise hatte praktischerweise ihren eigenen Vorrat an Frühstücksflocken dabei, nur die Mandelmilch wäre wahrscheinlich nicht mal in Mexico City aufzutreiben gewesen. Die Kellnerin erzählte, dass es die letzten vier Tage und Nächte mit kurzen Unterbrüchen nur geregnet hatte. Wir diskutierten kurz unsere Pläne und sahen Alternativen auf der Karte an, doch schliesslich beschlossen wir, unserem Originalplan zu folgen und auf gutes Glück loszufahren. Hinter Xichu begann gleich die Piste, die etwas oberhalb des angeschwollenen, braunroten Flusses durch ein enges Tal führte, das von in den Himmel ragenden Felsenbergen eingeschlossen war, die an diesem regnerischen und wolkenverhangenen Morgen allerdings nur zu erahnen waren. Bald schon hatte Kelly wieder mal Gelegenheit für einen seiner makabren Witze, die Denise weniger lustig fand: Die Piste wurde von einem kleinen weissen Pickup blockiert, hinter dem noch ein anderes Auto stand. Kelly rief ganz erschrocken "eine Strassensperre, eine Strassensperre, wir werden überfallen", doch es war nur der Tortilla-Auslieferer, den wir schon im Frühstückslokal gesehen hatten. Der erste Stopp war bei Echeveria xichuensis und Turbinicarpus alonsoi. Kelly und Julia wanderten alleine in den kleinen Canyon hinein. Es nieselte immer noch leicht und die Bäume und Büsche glänzten voller Wassertropfen. Alles war grün, prall und fett. Die gesuchten Pflanzen waren oft unter ganz geöffneten Selaginellas versteckt und schwer zu sehen. Langsam fuhren wir danach der Piste entlang, um nach Calibanus glassianus Ausschau zu halten. Es dauerte nicht lange bis wir die ersten Pflanzen weit über uns entdeckten und schliesslich an einem Ort stoppten, wo man mit einiger Mühe etwas in die Höhe klettern konnte. Mittlerweile hatte es wenigstens aufgehört zu regnen und die Wolken hingen nicht mehr so tief. Kelly vergass ob der Pflanzen, die er noch nie gesehen hatte, sowieso alles um sich herum und kam völlig verdreckt wieder den Berg herunter. Bald kamen wir an die Brücke über den Fluss bei Guamuchil. Das halbe Dorf war auf und an der Brücke versammelt, um sich den extrem angeschwollenen Fluss mit seinem braunroten Wasser anzusehen. Einige mutige Jungen offerierten durch den Fluss zu "waten", falls wir Fotos machen wollten, was wir angesichts des reissenden Wassers dankend ablehnten.



Nun führte die Piste in Kurven in die Höhe bis wir für Beaucarnea compacta einen weiteren Halt einlegten. Unterdessen zeigten sich grosse blaue Flecken am Himmel und man konnte die Sonne erahnen, die sich auch bald danach zeigte. Es ging weiter in die Höhe vorbei an Echeveria bifida und Sedum corynephyllum. Das Mittagessen bestand heute aus frischen Brötchen, die wir mit Avocado beschmierten. Wir kamen durch viele kleine Ortschaften und begegneten weit oben sogar einem Reisebus, dessen Chauffeur uns fragte, wie denn die Strassenverhältnisse bis nach Xichu seien. Ein Mexikaner hatte seinem Strassenatlas zu sehr vertraut und eine dicke gelbe Strasse eingezeichnet gesehen, wo es eigentlich nur eine Piste gab, die über hohe Berge führte und zudem im jetztigen Zustand nach tagelangem Regen extrem schlammig und etwas rutschig war. In der Nähe von Peñamiller kamen wir durch Wälder von Isolatocereus dumortieri und Fouquieria splendens. Die Landschaft war unglaublich grün und Kelly, der Mexiko bisher nur in der Trockenzeit gekannt hatte, glaubte wiederholt, sich in Irland zu befinden. Wir schafften es bei Tageslicht bis nach San Joaquin, wo wir im rosaroten Hotel unterkamen und in einem nahen Restaurant auch wieder einigermassen vegetarisches Essen fanden.



Am Morgen begrüsste uns ein strahlend blauer Himmel über San Joaquin. Wir fuhren bis nach El Doctor und danach auf Pisten in die Höhe, um Agave montana einen Besuch abzustatten. Auf mehr als 3000 m mussten wir noch durch eine verwunschene Nebellandschaft in die Höhe wandern. Eine grosse Form von Echeveria secunda sowie zwei kleine Sedumarten standen in voller Blüte. Die Agaven waren natürlich alle mindestens ein Foto wert und die Stunden vergingen wie im Flug. Hier oben gab es auch eine relativ grosse Population von Hybriden zwischen Agave mitis und A. montana. Und zum Schluss fanden wir auch noch ein paar schöne Steine für den Garten. Auf dem Rückweg stoppten wir für Echeveria halbingeri. Am späteren Nachmittag suchten wir dann den Einstieg in die Cañada de la Culebra, die Schlangenschlucht. Schliesslich fanden wir die kleine Piste in diese spektakuläre Schlucht, in der man problemlos einen ganzen Tag lang hätte verbringen können. Die Pflanzenvielfalt war überwältigend, doch wir mussten uns leider etwas beeilen und hatten nur kurz Zeit, um bis an Klippen hochzuklettern, wo Echeveria humilis in Blüte stand. Alle sukkulenten Pflanzen aufzulisten würde zu weit führen, doch besonders gefiel uns Pachyphytum glutinicaule und die silbern gefärbte, wunderschön kompakte Hechtia zamudoi. Für die Nacht erreichten wir das Pueblo magico Bernal, wo wir bei einem Italiener Pizza essen gingen, der in Aarau aufgewachsen war und perfekt Schweizerdeutsch sprach, später nach Italien zog und schliesslich über Mexico City nach Bernal fand.



Am letzten Tag der Reise fuhren wir auf den Cerro Zamorano hinauf. Zuerst fotografierten wir Pachyphytum compactum, dann machten wir uns auf die Suche nach Sedum fuscum, das Denise mit Adleraugen als erste im Sandboden fand, wo es sie an eine winzige Dudleya aus San Diego erinnerte. Weiter oben kamen wir dann noch zu den wunderschön kompakten und blaugrauen Agave applanata, die natürlich auch einen Fotostopp wert waren. Am Abend waren wir dann wieder zurück in heimatlichen Gefilden in Jalisco, wo wir auf eine gelungene Reise und ein nächstes Mexiko-Abenteuer für Denise in Oaxaca anstiessen.



Juli 2012



Julia Etter & Martin Kristen